Die Künstler*innen

Ich denke mir immer, wenn vor mir hundert Leute sind und ich nur einen einzigen von diesen hundert irgendwie zum Nachdenken bringen und berühren kann, merci. Dann hab ich gewonnen. Das ist so eine meiner intimsten Motivationsquellen überhaupt. Etwas zu bewegen, zu bewirken, zu verändern. Die Leute mal aus ihrem Alltag rauszunehmen und eine komplett andere Perspektive zu zeigen. Denn wenn die Akustik wegfällt, wenn die Texte und die Worte wegfallen, dann vereinen sich die Menschen. […] Und sie können alle gemeinsam zum selben Zeitpunkt lachen. Und das zu bewirken, das ist die Herausforderung.

Azrael ist Pantomime und Schauspieler. Er ist in Wien geboren und aufgewachsen und ist das Enkelkind eines türkischen Gastarbeiters. Die kulturellen Differenzen der zwei Kulturen bereiteten ihm große Schwierigkeiten. In der Türkei als Österreicher und in Österreich als Türke bezeichnet zu werden führten dazu, dass er als Kleinkind keine Zugehörigkeitsgefühle entwickeln konnte. Später flog er spontan nach Mallorca, arbeitete in Hotels und besuchte über drei Jahre die Tanzschule für Ballett. Zurück in Wien nahm Azrael im Wiener Museumsquartier an verschiedenen Workshops für modernen Tanz teil. Doch zwischen zwei Welten geboren und aufgewachsen zu sein, die Schule abgebrochen, keine wirkliche Zukunftsperspektive und keinen Zugang zur Gesellschaft finden zu können machte ihm zu schaffen. Enttäuscht von sich selbst und seinem Leben, versuchte er vehement aus seiner Despression heraus zu finden. Mit der Zeit wurden die Depressionen zu einem Quell für Kreativität und Inspiration. Im Jahr 2005 hatte er schließlich die Idee, sich eine Maske zuzulegen. Das Gesicht zum Charakter Azrael wurde geboren. Zum ersten Mal fühlte er sich vollkommen und frei. Die Maske hatte, laut Azrael, alle Teile in ihm wieder zusammengefügt und ihm einen Zugang in die Gesellschaft verschafft.

Zwei Fremde. Mitternacht.
Rein in die Dunkelheit.
Vier Augen glänzen.
Beleuchteten in mir den langen Weg von St. Wolfgang bis zum Sudan.
„Wo kommen wir hin?“ fragte ich den netten Fahrer.
„It is not difficult. Go left, than right.“
“Spricht er nix english, nur Deutsch” sagte ich.
„Ich spreche Deutsch. Die Sprache meiner Fremdheit. Die Sprache meiner Macht.“ 
Raus, rein, ins Land, aus dem Land, Sudan, rein, nach Österreich, push, pull, zoom in, zoom out.
Die Berge bewegen sich uns zu.
Der Himmel war nah, sehr nah, aber kein Prophet kommt.
Flut von Angst, ausgestorbene stille Nacht, Sehnsucht, Wut, mischen sich mit der Wiese meiner alten Erinnerungen, treiben Tränen ins Gesicht einer vergessenen Migrantin, in der österreichischen Frauenpolitik.

Ishraga ist Schriftstellerin, Wissenschafterin und freie Journalistin und lebt seit 1993 in Wien. Geboren und aufgewachsen ist sie im Sudan, wo sie auch ihre ersten Gedichte in diversen Zeitungen veröffentlichte. Darin thematisierte sie den Körper, die Liebe und die Sexualität von Frauen. In den folgenden Jahren nahm sie an Frauenbewegungen teil und wurde ein aktives Mitglied der sudanesischen Kommunistischen Partei, während sie gleichzeitig Kommunikationswissenschaften an der islamischen Universität studierte. Ein Tag, nachdem Ishraga mit ihrem Studium fertig war, kam der militärische Putsch und legte ihre Zukunft vorerst auf Eis. Die einzige Option, die ihr noch übrig blieb, war ins Ausland zu flüchten. Sie kam nach Österreich, um in Wien weiterstudieren zu können. Sie hat in Österreich drei Gedichtbücher veröffentlicht und ist eine der Vorreiterinnen, die (afrikanische) Vereine in Österreich gegründet haben. Die Vereine sind heute noch aktiv und stehen im Dienste der Teilhabe in der Gesellschaft und Partizipation.

Für meine Stimmarbeit ist es mir wichtig, wie ich etwas sage oder singe, und nicht, was ich sage oder singe. Es geht nicht ums Verstehen, es geht ums Fühlen. Wir verwenden sehr viele Melodien, die eigentlich unsere eigenen sin, aber natürlich haben auch diese Melodien eine Quelle. Also ich kann nicht sagen, dass eine Melodie rein meine ist. Weil ich mir sicher bin, dass diese Melodie eine Quelle aus meiner oder einer anderen Kultur hat. Weil ich immer sehr offen bin, Melodien und Klänge und Töne von anderen Sprachen aufzunehmen. Ich nehme dann einfach die Silben oder Laute von dieser Sprache und versuche es in meinem Körper, oder auch mit meinem Verstand und mit meinen Sinnen in eine wirklich andere Art umzuwandeln. Es bekommt eine andere Form.

Nigar ist Performerin und lebt seit 1991 in Wien. Die irakische Kurdin kommt aus einer Familie mit vielen Künstlern und Künstlerinnen. Mit 12 Jahren fing sie an zu singen und mit 19 studierte sie an der Akademie der schönen Künste in Bagdad und arbeitete gleichzeitig in einem Theater. Während des Studiums gründeten Nigar und ihr Ehemann Shamal ein kurdisches Experimental-Theaterensemble, mit dem sie zahlreiche Stücke im Süden Kurdistans aufführten. Als sie im Jahre 1991 davon erfuhren, dass die Truppen von Saddam Hussein im Anmarsch waren, packten sie wie über 3 Millionen andere Kurden ihre Sachen und flohen mit ihrem neugeborenen Kind über den Iran und die Türkei nach Österreich. Nachdem sie in Österreich ankamen und einen Antrag auf Asyl stellten, absolvierten sie einige Deutschkurse. Daraufhin machten sie in ihrer Berufung weiter: Sie präsentierten ihr erstes Theaterstück in Wien im Jahre 1992. Zwei Jahre darauf begann Nigar wieder, Theaterwissenschaft an der Uni Wien zu studieren und beendete das Studium mit dem Doktorat. Im Jahre 1998 gründete sie schließlich mit ihrem Ehemann ihr eigenes Theater, das „Lalish Theaterlabor“ wo die beiden auch selber spielen, singen, Workshops veranstalten, Gesangsunterricht geben und Projekte auf die Beine stellen. Sie sind mit ihrem Theater national und international bei zahlreichen Festivals bekannt.

Ich betrachte meine Arbeit als eine Mischung aus dem, was ich hier erlernt habe oder auch in Amerika, also die westliche Denkweise, Tanztechniken, Tanzstile und dem, was ich aus dem  Japanischen gelernt habe oder auch in mir selber trage. Das ist eben Aiko, als Methode. Das versuche ich den Leuten beizubringen – dass sie sehr wohl mit ihrem Körper umgehen können, um im zeitgenössischen Kontext als Tänzer oder Performer ihren Körper einzusetzen – aber auf der anderen Seite mit inneren Bildern, Emotionen und Zuständen abstrahiert zu arbeiten, so wie ich das bei Butoh gelernt habe.

Aiko Kazuko Kurosaki ist eine aus Japan stammende und in Wien lebende Performancekünstlerin, Choreografin und Tänzerin. Ihr Wunsch, Tänzerin zu werden wurde ihr von ihrem Vater verweigert. Sie studierte stattdessen Klavier Konzertfach an der Musikuniversität Wien. Das Studium brach sie, sobald sie sich als Klavierlehrerin selbstständig machen konnte und endlich volljährig war, ab, um Tanzunterricht zu nehmen. In den darauffolgenden Jahren bekam sie mehrere Stipendien und lernte und arbeitete mit namhaften Tänzer*innen wie Gus Giardano in den USA und Carlotta Ikeda in Japan. Aiko arbeitet an der Schnittstelle zwischen darstellender und bildender Kunst mit inhaltlichem Fokus auf sozial- und umweltkritische Themen. Sie verwirklicht Solo- und Gruppenarbeiten auf Festivals im In- und Ausland, häufig in Form von interaktiven, orts-spezifischen Interventionen im öffentlichen Raum – wie beispielsweise einer Performance/Flashmob in der UNO-City Wien gegen die Wiedereröffnung der Atomkraftwerke in Japan nach der Fukushima-Katastrophe. Aiko ist Ko-Initiatorin und hat die künstlerische Leitung von ‚OBRA – One Billion Rising Austria‘ inne, einer künstlerischen Kampagne für ein Ende von Gewalt an Frauen und Mädchen. Für ihr Schaffen wurde sie mit dem 1. Preis des Kunstwettbewerbs ‚Save our Oceans – Now!‘, dem Förderpreis der ‚Freien Szene Wiens‘ für ‚OBRA‘ und dem Preis des ‚Österreichischen Frauenrings‘ für ihr feministisches Engagement prämiert. Mit ihren Arbeiten baut sie Brücken zwischen Kunst, Aktivismus und Politik, wobei ihr künstlerischer Ansatz auch ein Brückenschlag zwischen den beiden Kulturen, der westlichen und der asiatischen, ist.

Wie gesagt, ich bin integriert, ich schwimme wie ein Fisch in diesem Land. Trotzdem krieg ich manchmal meine Schwierigkeiten und fühl mich vielleicht unwohl bei gewissen Situationen. Aber das ist unumgänglich. Das hat ein jeder Migrant und muss damit fertig werden, dass er zwei Herzen in sich hat. Das ist aber nicht nur ein Handicap, so wie ich’s jetzt so darstelle, sondern natürlich auch eine Bereicherung. In zwei Kulturen aufwachsen, das ist nix Schädliches, sondern du siehst die Dinge von zwei verschiedenen Seiten und das ist oft eine positive Sache.

Allerdings hat es nie irgendwelche Musik gegeben von Ausländern, die sich untereinander vermischen, Griechen, Türken, Jugos und Österreicher. Das war unvorstellbar. Beziehungsweise, dass österreichisches Publikum zu solchen Konzerten geht, das war auch überhaupt nicht üblich. Man hat Parallelwelten gehabt. Es war schon etwas da, aber es hat keine Berührung miteinander gehabt. Ich glaube, dass die Tschuschenkapelle eine der ersten Gruppen war, die das durchbrochen hat.

Slavko ist Bandleader der Musikgruppe „Wiener Tschuschenkapelle“. Als er mit 18 Jahren von Kroatien nach Österreich kam, war er kein typischer Gastarbeiter, weil er zuvor in Deutschland ein Gymnasium besucht hatte und daher von Beginn an Deutsch konnte. Trotz seines ersten Jobs auf der Baustelle entschloss sich Slavko, Germanistik zu studieren. Nach seinem Studium arbeitete er in Gerichtssälen als Übersetzer und Dolmetscher. Durch seine Arbeit kannte er die Ausländerfeindlichkeit und die Diskriminierung, denen seine Klienten aus Exjugoslawien ausgesetzt waren. Er entschloss sich, etwas dagegen zu unternehmen. Nach einiger Zeit gründeten Slavko und zwei seiner Freunde eine Musikgruppe mit dem Namen „Wiener Tschuschenkapelle“, die seit 1989 existiert. Sie produzierten bis 2018 14 Alben. Slavko vertritt die Meinung, dass die Migrantenkunst in Österreich zu einem wichtigen Faktor geworden ist.

Zur Musik bin ich sicher über meine Mutter gekommen, die selbst Musikerin ist. Sie hat mich schon als Kind viel in Konzerte mitgenommen. Also hab ich diese ganzen Instrumente auf der Bühne gesehen und da hab ich ihr dann, als ich fünf oder sechs war, gesagt „Das will ich spielen, Cello.“ Und sie hat gesagt „Okay“ und hat eine befreundete Cellistin gefragt. Die hat meine Finger gesehen, ich war sehr zart und klein, und sie meinte „Du bist noch zu klein.“ Ich musste circa ein Jahr warten und war sehr ungeduldig und hab immer wieder nachgefragt, und dann irgendwann ging’s. Das war sehr schön. Da war ich circa sieben. Da hab ich begonnen.

Marie ist Cellistin, wurde in Wien geboren und hat deutsche und guineanische Wurzeln. Schon in ihrer Jugend nahm sie an diversen Wettbewerben teil, doch erst der internationale Brahms-Wettbewerb im Jahre 2009, bei dem sie den ersten Platz gewann, veränderte ihre Musikkarriere deutlich zu ihren Gunsten. Nach ihrem klassischen Studium an der Musikuni Wien, das sie im Alter von 16 Jahren begann, interessierte sie sich zunehmend für Jazz und erlernte diesen. Marie flog im Jahr 2012 nach Ghana, um im Rahmen eines Projektes mit Kindern zu arbeiten. Während diesem Aufenthalt schrieb sie in einer Dschungelnacht ihren ersten eigenen Song mit dem Titel „Mister Susu“. Die Erfahrungen in dieser Zeit eröffneten ihr neue Zugänge zur Musik. Sie kreierte eigene Songs auf einer Loop-Station und entdeckte ihr Instrument als Begleitung neu. Ihre erste EP „The Moony Sessions“ veröffentlichte sie im Jahr 2015, und 2019 kam ihr Debut-Album „Gap“ heraus. Live ist Marie in ihrer Duo-Perfomance mit dem Akkordeonspieler Christian Bakanic sowie in diversen Konstellationen der Kammermusik beim „Alpenarte Festival“ zu sehen. Als Solistin performed sie bei einer Vielzahl namhafter Konzerte, Festivals und Touren, wie dem „Classic Garden“ in Südkorea, der „The World of Hans Zimmer“ – Tour in Europa, dem „Fusion“ – Festival in Deutschland und dem „Konzerthaus International“ in New York.

Ich komme aus einer sehr großen Familie, wo sehr viel geronnen ist. Aber nicht nur in der Familie, sondern auch in der Geschichte Kolumbiens.Vom Zivilkrieg bis in die Gegenwart, nicht? Bei uns fließt ständig rot,Blut. Sei es aus Liebe, sei es aus Leidenschaft, sei es aus Hass, et cetera. Das ist meine Hauptfarbe, rot.

Die Gewalt war so groß, dass wir plötzlich in unseren Straßen in Medellín die Indianer mit ihren Samen und Schmuckfedern und so weiter gesehen haben. Menschen, die wirklich aus dem tiefsten Urwald geflüchtet sind. Und der damalige Bürgermeister von Medellín hat verboten, dass man ihnen was zum Essen gibt, weil wenn sie was bekommen werden sie da bleiben und wenn sie nichts bekommen kehren sie zurück in den Urwald, wo sie hin gehören.

Antonio ist Maler und arbeitet daneben als Spanischlehrer im Latein-Amerika-Institut. Er stammt aus einer großen Familie, die Kaffee anbaut. Antonio studierte in Kolumbien Architektur und war in dieser Zeit aktives Mitglied linksorientierter politischer Bewegungen. Nach seinem Studium flog er, mit der Absicht die Welt zu erkunden, über die USA nach Europa, bis er schließlich im Jahr 1983 in Österreich ankam und seinen neuen Lebensmittelpunkt hier fand. In Wien studierte er Kulturtechnik und Wasserwirtschaft an der BOKU. Seit 1990 leitet er Studienreisen und Hilfsprojekte in Lateinamerika. Antonio fing im Jahre 2000 an, zu malen. Er bezeichnet seine Malerei als Sozial-Kunst, die ihre Wurzeln in den Farben und Motiven der „Mola“ hat, der Patchwork-Kunst der Cuna-Indianer aus Panama und Kolumbien. Zu Beginn waren die drei symbolischen Tiere Kondor, Jaguar und Anakonda die vorwiegenden Motive seiner Malerei. Schließlich wechselte er zu größeren Formaten mit imposanten Farbwelten und provokativen Motiven. Antonios Kunst ist Ausdruck seines Widerstands gegen die Ungerechtigkeit, die Ausbeutung und den Rassismus unserer Welt.